Augsburger Stadtteile - Das Ulrichviertel

Augsburger Stadtteile - Das UlrichviertelUnsere kleine Stadt

Es gibt Orte da sieht es aus „wie früher“ – wie man so schön sagt. Was damit gemeint ist, ist eigentlich, dass es dort hübsch ist, eben so, wie wir das „Früher“ idealisieren als die „gute alte Zeit“. Das Ulrichsviertel in Augsburg ist so ein Viertel. Unter der am Hang aufragenden Ulrichskirche gelegen, besteht es nur aus ein paar Gässlein mit krummen Giebelhäusern. Die Szenerie ist ein bisschen wie im Märchen, so als käme der gestiefelte Kater gleich um die Ecke oder als würde der Pumuckl in den Winkeln „Schabernack“ treiben. Tatsächlich nämlich war das Ulrichviertel wahrscheinlich nie so hübsch wie heute. Die gute alte Zeit, so enttäuschend es klingen mag, gab es hier nicht. 

Augsburger Stadtteile

Das Ulrichviertel

Das Viertel Ulrichs

Jahrhunderte lang gehörte der kleine Stadtteil zum Kloster St. Ulrich und Afra, von dem heute nur noch die steil aufgetürmte Kirche übrig geblieben ist. Im 14. Jahrhundert lag hier noch ein großer Baumgarten, der Name „Baumgärtleingässchen“ zeugt noch davon. 

Dann aber traf der Rat der Stadt eine folgenschwere Entscheidung: zwei Siedlungen, die vor den Toren und Mauern lagen, der Wagenhals und der Gries wurden 1376 abgerissen – immerhin 340 Häuser, ein Siechhaus und ein Kloster. Die Bewohner wurden nun gezwungen, in die Stadt hinein zu ziehen, zum Beispiel in die Jakobervorstadt oder eben ins Geviert „unter dem Ulrich“, das offiziell zum Lechviertel gehört. Im genannten Baumgarten ließ das Kloster St. Ulrich und Afra deshalb um 1395 kleine Zins-, also Mietshäuser errichten.

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Die neu angelegte Gasse nannte man „Zwerchgasse“ – das heißt eigentlich nur „Quergasse“. Zudem befanden sich Wirtschaftsgebäude des Klosters im Viertel, etwa der „Mairhof“ mit mehreren Ställen und Stadeln zum Lagern von Lebensmittel und Baumaterialien. Ein einziger dieser Stadel aus dem Jahre 1683 blieb in der Kirchgasse 8 erhalten. 

Romantik pur – oder etwa doch nicht?

Die Häuslein an den kurzen Straßen wirken für uns „romantisch“ mit ihren verputzten Giebeln, den Fensterläden und den in Nischen stehenden Heiligenfiguren. Im Zentrum liegt der Saurengreinswinkel, wirklich ein Winkel, an dem auch das wohl schmalste Haus Augsburgs zu finden ist; im Sommer erblühen an den Häuserfronten Stockmalven. 

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Das Ulrichviertel

Früher jedoch war die Wohnlage denkbar schlecht: Nebenan lag das Spital, in dem auch Seuchenkranke behandelt wurden. In den Zinshäusern waren beinahe alle Zimmer vermietet an Familien aus der untersten Schicht. Da konnten schon einmal zehn Personen in einem Raum mit 15 Quadratmetern leben. Von guter alter Zeit also keine Spur. 

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Das Ulrichviertel

Ein König namens Kaschperle

Als „schön“ empfand man die bis 14 Jahrhundert zurückgehende Bebauung lange Zeit also nicht. Kriegszerstörungen gab es in dieser Ecke wenig – leider, hätten wohl die Stadtplaner der 1950er-Jahre gesagt. Immer mehr Menschen zogen weg von hier, weg aus Dunkelheit und Feuchtigkeit und den beengten Zimmern, in die neuen Wohnungen, die zahlreich nach dem zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Vermutlich war dies die Rettung für das Ulrichsviertel. Seit Ende der 1970er-Jahre wurden zunächst Straßen und städtische Liegenschaften saniert, private Investitionen folgten. 

Seitdem sieht es im Viertel aus „wie früher“. 

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Schon vorher waren märchenhafte Gesellen hierher gezogen: Am 26. Februar 1948 eröffnete Walther Oehmichen im alten Heilig-Geist-Spital die „Augsburger Puppenkiste“ mit „Der gestiefelte Kater“. Das „Urmel“, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und natürlich „Kaschperle“ fetzen seitdem durch die alten Spitalmauern. Seit 2017 gibt es sogar eine Kasperle Ampel an der Spitalgasse. 

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In den Häusern liegen jetzt Handwerker-Läden wie das Atelier „Sorellas“ der Porzellanmalerin Cornelia Joseph und der Textildesignerin Naoko Inoue-Kürten oder das Atelier „Eigenhändig“ der Schmuckkünstlerin Yvonne Raab, oder Bars wie das „Striese“. Früher war eben doch nicht alles besser. 😉

Giulia Valent

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Gregor Nagler

Gregor ist ein absoluter Kenner der Augsburger Kunstszene und findet verborgene Orte und alte Geschichten von Augsburg, die begeistern. Seit 20 Jahren erkundet er Augsburg aktiv mit Freunden, Reisegruppen oder auch im Alleingang und kennt jede Ecke in Augsburg.