Die Tore zu Augsburg

Die Tore zu AugsburgUnsere 5 erhaltenen Stadttore und ihre Geschichten

Wann eigentlich weiß man heute, dass man in Augsburg angekommen ist? Der „Siedlungsbrei“ in Haunstetten Süd oder Oberhausen Nord unterscheidet sich kaum von dem in Königsbrunn oder Gersthofen. Niemand weiß wohl, wo die Grenze verläuft zwischen Augsburg und seinen „Nachbargemeinden“. So viel Speckgürtel hat die Stadt angesetzt! 

Früher erkannte man die Grenze schon ganz gut: Die Stadt Augsburg lag zwischen Lech und Wertach, man fuhr über Brücken und passierte Zollhäuschen, wenn man „hinein“ wollte. Wirklich „da“ war man aber erst, wenn man ein Tor durchfahren oder durchschritten hatte. Auf dem äußeren Ring der Stadtmauer lagen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein elf Tore, fünf davon überlebten auch die Abbruchwelle, die eintrat, als man Mauern und Türme in den 1860er Jahren „schleifen“ - das heißt platt machen durfte. So steht man heute zum Beispiel am Klinkertorplatz und sucht womöglich ein Tor, wo keins mehr ist. 

Das Rote Tor

Müsste man einen Preis für das „schönste“ Augsburger Stadttor vergeben, das Rote Tor wäre vielleicht Favorit. Es hat noch alles, was früher zu einem richtigen Stadttor gehörte: Einen Wall (den Park), eine Bastion (den künstlichen Erdhügel), eine Brücke, ein Vortor und das Haupttor mit Turm. So, wie sie heute aussieht, geht die Anlage auf den Umbau (1622) durch Elias Holl (den Unvermeidlichen) zurück. 

Augsburger Tore

Das Rote Tor

Natürlich ist das Tor viel älter, es ist urkundlich im 13. Jahrhundert erwähnt. Als „rot“ wurde das eigentlich „Haunstetter Tor“ genannte Bauwerk bezeichnet, als es 1428 einen Anstrich in roter Farbe erhielt. Reisende von und nach Italien musste hier passieren. Wenn ein Kaiser in die Stadt kam, diente ebenfalls das Rote Tor als „Entrée“.

Augsburger Tore

Das Rote Tor

Im 18. Und 19. Jahrhundert wurden Stadtmauern und Tore zunehmend überflüssig. Sie konnten gegen ständig erneuerte Waffen ohnehin keinen Schutz mehr bieten. Das Rote Tor wurde – Verzeihung, der muss einfach sein – zum „toten Rohr“. Aber romantisch sah es halt schon aus, das Tor mit seiner Bastion und dem Graben. Seit 1929 wurde deshalb in dieser Kulisse  dann ein „Freilichttheater“ aufgeführt. In jüngster Zeit wurde das Rote Tor saniert und birgt nun eine Dokumentation zu den Wall- und Wehranlagen Augsburgs. 

Augsburger Tore

Das Rote Tor

Wertachbruckertor

Vielleicht noch hübscher als das Rote Tor ist das alte nördliche Haupttor Augsburgs, das Wertachbruckertor. Allerdings hat sich sein Umfeld nicht so gut erhalten. An den Toren, bzw. an den Zollhäuschen vor den Toren kassierte man Reisende früher schamlos  ab. Im Falle des Nordtores stand das Zollhäuschen an der Wertachbrücke, der Name geht hierauf zurück. Wieder war es Elias Holl, der dem Wertachbruckertor architektonisch seinen Stempel aufdrückte. Der mittelalterliche Turm erhielt 1605 damals die achteckigen Obergeschosse und das Zeltdach mit offenem Türmchen („Laterne“). 

Zweihundert Jahre später, am 10.10.1805 zog Napoleon durch das Wertachbruckertor in die Stadt ein. Geholfen hat die hübsche Architektur wenig, denn die Konsequenzen waren bitter: Augsburg verlor seine Unabhängigkeit und wurde per Federstrich Napoleons bayerisch, genau wie es Bayern und Franzosen vorher ausgekungelt hatten. Nun ja, es hätte schlimmer kommen können…

Fischertor

Das kurioseste Tor ist vielleicht das Fischertor, auch wenn´s harmlos aussieht: Ein Torbogen mit daraufgestelltem „Häusle“. An der so genannten „Feldseite“ (also von der Stadt gesehen „außen“) ist eine kleine Skulptur angebracht, die dem aufmerksamen Passanten frech eine Grimasse zieht. Das Bauwerk ist jung, es wurde erst 1924-25 durch Otto Holzer errichtet: Mittlerweile trauerten die Augsbürger nämlich um all die schönen Tore, die man im Fortschrittsrausch abgebrochen hatte. So wurde an der Stelle, wo bereits im 14. Jahrhundert ein Tor gestanden hatte, aus Sentimentalität wieder eines errichtet. Der Name leitet sich von der Vorstadt „Unter den Fischern“ ab. 

Augsburger Tore

Fischertor

Augsburger Tore

Fischertor

Jakobertor

Ein waschechtes mittelalterliches Tor ist dagegen das Jakobertor aus dem 14. Jahrhundert und es sieht auch so aus: Trutzig und wehrhaft. Durch den Bogen verlief früher der Verkehr von und nach Baiern (ja genau, damals noch mit „i“). König Gustav Adolf von Schweden zog am 24.4.1632 durch dieses Tor in die Stadt ein und besetzte sie. Hinter dem Tor tat sich schon im 14. Jahrhundert die breite Jakoberstraße auf. Wo heute Autos, Lastwägen und Straßenbahnen brettern, wurde früher Markt abgehalten. Vor dem Zweiten Weltkrieg sahen Straße und Tor noch aus wie die Kulisse für einen Historienfilm. Nur das Tor konnte seinen Charme auch in unsere Zeit hinüberretten, die Bombenschäden wurden in der Nachkriegszeit behoben.

Augsburger Tore

Jakobertor

Augsburger Tore

Jakobertor

Vogeltor

Genau wie das Jakobertor wirkt das Vogeltor nunmehr beinahe wie ein Verkehrshindernis.  Das im 14. Jahrhundert errichtete Tor wurde im 15. Jahrhundert auf Weisung des Bürgermeisters Conrad Vögelin neu erbaut und hatte vielleicht seitdem seinen „Spitznamen“ weg. Im Torturm lebte allerdings 1403-09 ein Vogelfänger – quasi Augsburgs Papageno– , der dem Turm ebenfalls zu seinem Namen verholfen haben könnte. Wagemut erfordert es heutzutage, möchte man das gotische Stalaktitengewölbe in der Durchfahrt betrachten – so schnell sausen die Autos darunter hindurch. 

Unsere fünf erhaltenen Stadttore markierten früher die Grenze von Stadt und Land. Sie waren Visitenkarten und Kontrollpunkte. Heute sieht man nur am Straßenschild, wo Augsburg beginnt oder aufhört. Bahnhöfe oder Flughäfen sind die neuen „Eingänge“ in eine Stadt. Tore sind nur noch im Fußballstadion vonnöten. 

Giulia Valent

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Gregor Nagler

Gregor ist ein absoluter Kenner der Augsburger Kunstszene und findet verborgene Orte und alte Geschichten von Augsburg, die begeistern. Seit 20 Jahren erkundet er Augsburg aktiv mit Freunden, Reisegruppen oder auch im Alleingang und kennt jede Ecke in Augsburg.