Kleine aber feine Details über Augsburg, die ihr kennen solltet I

Kleine aber feine Details über Augsburg, die ihr kennen solltet IAugsburger Maßeinheiten

Viele sehen die Metallstücke am Augsburger Rathaus gar nicht. Früher aber waren sie von großer Bedeutung. Wer genau hinguckt, kann die Schrift entziffern: Auf der längsten Leiste steht: Halbe länge des Holz Klaffter; Leinwand Elen Läng auf derjenigen darunter. Es folgen die Aufschriften Barchat Elen Läng sowie Statt Werckschuch Länge. Man ahnt es: Bei den Leisten handelt es sich um Maße. Um Maße genauer gesagt, die nur in Augsburg galten. 

Details über Augsburg

Augsburger Maßeinheiten

Aus der gedinten Gegenwart heraus kann man sich kaum etwas Komplizierteres vorstellen, aber bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten unterschiedliche Länder auch verschiedene Maßsysteme. Da Augsburg bis 1806 ein kleines Land war, eine Freie Reichsstadt, galt hier ein eigenes Ordnungssystem, das schon am Lech und schon an der Wertach endete. Es war fast alles geregelt: Was man anziehen durfte, wie man bauen sollte, welche Personen politisch bestimmten. Und so gab es eben Grundmaße, nach denen Längen und Flächen berechnet wurden. Brotlängen, Stofflängen, Grundstückslängen – die Liste ließe sich ins Unendliche fortsetzen. 

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Rathaus

Man vermutet es schon anhand der Begriffe „Elle“ und „Schuh“ – die ersten „Messgeräte“ waren Gliedmaßen: der Fuß und der Arm. Sie waren bei jedem Menschen unterschiedlich und man kann sich schon vorstellen, dass es da oft Streit gab welcher Fuß von welcher Person jetzt gelten sollte. Deshalb legte man in den einzelnen Orten quasi eine „Fuß- oder Schuhlänge“ fest. In Augsburg war der Stadtwerkschuh 29,62 cm lang. Man könnte auf gut Augschburgisch auch „Quadratlatschen“ dazu sagen. Mit den anderen „Linealen“ am Rathaus konnte man den halben Klafter Holz (89cm), die Leinwand-Elle (60,95 cm) sowie die Barchent-Elle (59,24) nachmessen. Barchent war ein damals vorherrschendes Textilgewebe.

 

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Schuh ©

Dieses Maßsystem war auch bitter nötig: Zum einen für die Handwerker, die ihre Messgeräte eichen mussten. Zum anderen aber für die Käufer, die prüfen wollten, ob man sie nicht doch übers Ohr gehauen hatte. Deshalb brachte die Stadt diese Maßstabsleisten direkt am Rathaus an.

Komplizierter wurde die Sache für reisende Händler. Schon jenseits der Stadtgrenzen: Ein anderes Maßsystem! Den Kaufleuten muss der Kopf geschwirrt haben. Nürnberger Ellen, oder Ulmer, oder Frankfurter, oder Antwerpener... Welche davon war nun die längste? Eines steht fest, man musste sein in Augsburg geeichtes Maßband immer griffbereit haben, in Venedig oder Genua, um zu wissen, wie viel man jetzt eigentlich gekauft hatte. Teilweise kursierten Zollstöcke, auf denen unterschiedliche Maßsysteme eingetragen waren. 

Hinzu kam: In Augsburg basierte zum Beispiel das gesamte Bauwesen auf dem Stadtwerkschuh. Treppenhöhen, Erkerbreiten, Fenstergrößen. Es waren also individuelle Gestaltungselemente. Nürnberger Treppenstufen hatten eine andere Höhe, eben weil der Nürnberger Schuh ein anderes Maß hatte. In Augsburg zumindest wurde das Bauwesen genau „vermessen“: Festgelegt waren die Ziegelgrößen oder auch, wie weit Erker in den Straßen- oder Platzraum ragen durften.

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Innenstadt

Im 19. Jahrhundert löste die Vielfalt unterschiedlicher Maßeinheiten erhöhten Leidensdruck aus. Man war zunehmend vernetzt, rechnete teilweise aber noch mit Maßen aus dem Mittelalter. Dabei leuchtete die Alternative schon am Horizont, der Meter, 1793 in Frankreich festgesetzt. Es handelt sich um den zehnmillionsten Teil der Entfernung vom Nordpol über Paris (selbstredend) zum Äquator. Darauf basierend, schließlich: das Dezimalsystem.

Alle Füße und Schuhe, man sieht es ob der Klarheit des Meters ein, hatten damit in Frankreich ausgedient. Weil nun Teile Deutschlands, zum Beispiel das Rheinland, während der napoleonischen Kriege von Frankreich besetzt waren, wurde dort auch der Meter eingeführt. Bis das ganze nach Bayern durchdrang, dauerte es noch: Am 1. Januar 1872 war es auch hier so weit.

Die Alternative wäre kurios gewesen: Man stelle sich vor Smartphones oder Laptops würden in Schuh gemessen....

Blanka Gano

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Gregor Nagler

Gregor ist ein absoluter Kenner der Augsburger Kunstszene und findet verborgene Orte und alte Geschichten von Augsburg, die begeistern. Seit 20 Jahren erkundet er Augsburg aktiv mit Freunden, Reisegruppen oder auch im Alleingang und kennt jede Ecke in Augsburg.