Rom in Augsburg

Rom in AugsburgDie Basilikabilder in der Staatsgalerie Altdeutsche Malerei

Wenn ich nicht nach Rom komme, dann muss Rom eben zu mir kommen. Unter diesem schönen Motto lässt sich zusammenfassen, was sich von 1499 bis 1504 im Dominikanerkloster St. Katharina in Augsburg zugetragen hat. Einige Nonnen des Klosters gaben für ihren Versammlungssaal sechs Bilder in Auftrag, die die sieben Hauptkirchen Roms zeigen. Ein absolutes Kuriosum der Kunstgeschichte. Aber warum nur taten sie das? Hierzu muss man ein bisschen in die Geschichte einsteigen.

Du sollst Buße tun

Legen wir also los: 1487 hatte der damalige Papst den Nonnen von St. Katharina ein Ablassprivileg verliehen. Was heißt das? Für seine Sünden, so die Vorstellung der katholischen Kirche, muss man Buße tun – man erhielt dann den Ablass davon. Wer das besonders gut machen wollte, pilgerte nach Rom und besuchte die sieben Hauptkirchen. Die Reise dahin war damals gefährlich, viele Pilger kamen verstümmelt oder halb verhungert in Rom an. Dafür aber erhielten sie den „Generalablass“ für alle Sünden.

Rom in Augsburg

Rom in Augsburg

Die etwas andere Art und Weise

Die Nonnen aber hatten ein Problem: Sie lebten in Klausur und konnten ihr Kloster nicht so einfach verlassen. Die Nonnen von St. Katharina hatten aber auch einen Vorteil: Sie stammten aus den reichsten Augsburger Familien und hatten viel Geld. Überzeugend genug für Innozenz, den Nonnen das Privileg zukommen zu lassen, dass sie durch Gebete im Kloster die gleiche Wirkung erzielen konnten, wie durch eine Reise zu den römischen Kirchen.

Um dieses Privileg sichtbar zu machen, gaben die Nonnen nach und nach Bilder der sieben römischen Basiliken in Auftrag:

1. Santa Maria Maggiore (Hans Holbein der Ältere, 1499)
2. San Pietro (Hans Burgkmair d. Ä. 1501)
3. San Giovanni in Laterano (Hans Burgkmair d. Ä., 1502)
4. San Lorenzo und San Sebastiano (Meister L.F., 1504)
5. San Paolo fuori le mura (Hans Holbein d. Ä., 1504)
6. Santa Croce (Hans Burgkmair d. Ä., 1504)

Dabei kam einer der bedeutsamsten Bilderzyklen seiner Zeit heraus, vergleichbar etwa mit dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Warum die Augsburger „Basiliken“ nicht bekannter sind? Vermutlich, weil sie das Kloster kaum je verlassen haben. Als das Kloster zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgelöst wurde, entstand 1833-35 aus der Kirche die erste „Pinakothek“(Gemäldegalerie) Bayerns und die Basilikatafeln wanderten als Herzstück in einen der Galeriesäle.

Die spitzbogige Form haben die Tafeln, weil sie nach Fertigstellung um 1500 direkt unter dem Gewölbe hingen. Das Leuchten der Bilder über 500 Jahre nachdem die Maler ihre Pinsel weglegten, erstaunt. Details blitzen auf: Edelsteine, Tränen wie Glasperlen, Marmor den man meint, förmlich anfassen zu können (was man natürlich nicht probieren sollte), zierlich gemalte Blumen... Die Tafeln sind von äußerster malerischer Delikatesse.

Die Heilige Thecla

Im Zentrum der Bilderserie aber steht eine Frau, die uns den Rücken zuwendet. Es ist die heilige Thecla, die inmitten der Paulsbasilika sitzt. Sie ist die Identifikationsfigur für die Nonnen, sie schaut deshalb ins Bilde hinein, wie sich das gehört. Vom langen Sitzen – Thecla lauscht einer Predigt des Paulus – ist sie etwas müde und stützt deshalb einen Fuß auf eine Querstrebe zwischen den Stuhlbeinen. Wie weich scheint der pelzbesetzte Kragen des Gewandes,wie schimmernd ist ihre Haut, und wie fein ist die Linie ihres Nackens. Wie das Gesicht Theclas aussieht, das aber bleibt für immer ein Geheimnis von Hans Holbein...

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Gregor Nagler

Gregor ist ein absoluter Kenner der Augsburger Kunstszene und findet verborgene Orte und alte Geschichten von Augsburg, die begeistern. Seit 20 Jahren erkundet er Augsburg aktiv mit Freunden, Reisegruppen oder auch im Alleingang und kennt jede Ecke in Augsburg.