Kunst in der Mittagspause I

Kunst in der Mittagspause IDurchatmen im Garten des Schaezlerpalais

Zwischen Hecken oder im Bogengang des Schaezlerpalais: Vögel zwitschern, der Blick schweift über ein geschwungenes Wegenetz und einen Brunnen. An den Gartenmauern lehnen Spaliere und im Hintergrund ragt über Baumwipfel und Häuserfirste der Turm von St. Ulrich und Afra. Manchmal, gar nicht so selten posieren Brautpaare in dem alten Garten. Kurz: Die Alltags-Stadt und die Arbeit scheinen weit weg, im Schaezlergarten. Man fühlt sich etwas aus der Zeit gefallen. 

Kunst in der Mittagspause augsburg

Schaezlerpalais

Die Bankiers und die Adeligen

Das Schaezlerpalais ist der wohl prächtigste Wohnpalast in Augsburg. Er könnte auch in Rom oder Genua, Paris oder Wien stehen, ohne schmächtig auszusehen. Während in den genannten Städten aber Adelige die Bauherren waren, ließ sich das Schaezlerpalais ein Bankier errichten.

Was man heute seltsam findet, prägte damals das Leben jeder und jedes Einzelnen: Man wurde in einen gesellschaftlichen Stand geboren, aus dem man kaum ausbrechen konnte. Bankiers waren Bürger und keine Adeligen und hatten sich entsprechend zu verhalten. 

Vom Silberhändler zum Adel

Der Bauherr unseres Augsburger Palais hatte darauf aber herzlich wenig Lust. Er hieß Benedikt Adam Liebert und war ein erfolgreicher Silberhändler – so erfolgreich, dass er von Maria Theresia ein Privileg erhielt, nämlich eine Münze mit dem Konterfei(Abbildung/Bildnis einer Person) dieser voll erblühten österreichischen Kaiserin prägen zu dürfen. Seit 1763 durfte Herr Liebert sich „Edler von Liebenhofen“ nennen, er hatte also tatsächlich zum Adel aufgeschlossen. 

So pompös wie nur möglich mag es der „Edelmann“

Die Sache scheint Herrn Liebert etwas zu Kopf gestiegen zu sein, denn sein errichtetes Palais an der damals ersten Augsburger Wohnadresse, am Weinmarkt, sprengte alles „was Recht“ war. Augsburger Architekten waren Liebert nicht gut genug, es musste schon Carl Albrecht von Lespilliez sein, seines Zeichens Hofarchitekt der Münchner Fürsten, der Wittelsbacher. 

Zur Straße hin wirkte das Haus zwar noch moderat, auch wenn ein Balkon damals der Gipfel der Extravaganz war. Nach hinten aber zieht sich das Palais genau 108,5 Meter in die Tiefe. Das merkt man, wenn man in den Garten läuft, durch die Einfahrt und den ehemaligen Küchen- und den alten Stallhof. Den Zeitgenossen muss der Wohnpalast als gebauter Größenwahn erschienen sein. Da wollte jemand unbedingt den Edelmann heraushängen lassen. 

Pragmatisch, praktisch, gut

Ganz hinten, in dem entzückenden Garten, ließ Liebert – ganz süd-sehnsüchtig – Zitrusfrüchte ziehen, die heute offenen Arkaden waren deshalb verglast. Im Garten, der so preziös französisch wirkt wie das ganze Palais, stolzierte aber wohl nicht nur der Bauherr im Gehrock und mit Spazierstock umher, sondern auch einige Hühner, die in dem kleinen Häuschen an der Gartenmauer lebten. Herr Liebert war eben pragmatisch.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Ganz hinten, unter den Bögen seiner Orangerie soll er als alter Mann auf einer italienischen Gartenbank gesessen sein, das Einfahrtsportal fest im Blick: Denn er wollte ganz genau wissen, wann sein Schwiegersohn, der geckenhafte Johann Lorenz von Schaezler, das Palais verließ und ob er rechtzeitig wieder zurückkam. Die Herren waren sich in herzlicher Abneigung zugetan. Doch Herrn Schaezlers Ehe mit Lieberts Tochter Marianne Barbara, einer bildfüllenden Dame, wie man im ersten Stock des Palais heute noch sehen kann, scheint ohne Skandale verlaufen zu sein. 

Der alte Benedikt Adam Liebert von Liebenhofen indes träumte wohl noch auf seiner Gartenbank von dem großen Ereignis seines Lebens, für das er einen Spiegelsaal einrichten ließ, wie ihn Augsburg nicht gesehen hatte. Hiervon aber das nächste Mal mehr....

Wer genug Ruhe getankt hat, kann im netten Museumcafé (Eingang durch den Kassenbereich) eine Tasse Kaffee und was Süßes essen.

(Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr)

Gregor Nagler u. Fabio Valent

Dieser Artikel ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Gregor Nagler

Gregor ist ein absoluter Kenner der Augsburger Kunstszene und findet verborgene Orte und alte Geschichten von Augsburg, die begeistern. Seit 20 Jahren erkundet er Augsburg aktiv mit Freunden, Reisegruppen oder auch im Alleingang und kennt jede Ecke in Augsburg.