Augsburg früher und heute VIII Die Singerstraße

Heute befinden wir uns in der Singerstraße. Doch Gesang hört man nicht wirklich, und überhaupt: „Was gibt es hier schon zu erzählen?“, fragt ihr euch? Eine Menge! Denn jede noch so kleine Straße oder Gasse, durch die wir heute hastig durchlaufen, haben unsere Vorfahren erbaut und betreten – auf ihnen gelebt, gelacht und geliebt. Diese Geschichten können und sollten mit uns weiter leben, denn durch sie ist das „Heute“ so wie es ist. 

© Privatsammlung Gregor Nagler

Die Singerstraße Der Name

Die Singerstraße ist, wie unzählige Augsburger Straßen, nach einer Person benannt. Doch nach wem? Hier gibt es 2 potentielle Personen. 

1. Johann Christoph Singer, ein Stadtmaurermeister, der 1777 die Doppelbrücke über den Roten-Tor-Wall erbaute.

2. Josepha Singer, die als Witwe des Weinwirts Carl Anton Singer zum Beispiel die Singer‘sche Stipendienstiftung und die Singer`sche Stiftung für Einführung Barmerziger Schwestern ins Leben rief. 

Augsburg wird größer

Angelegt wurde die Singerstraße Ende des 19. Jahrhunderts als Wohnstraße. Die Bebauung, drei oder vierstöckig mit geschmückten Fassaden zur Straße, war typisch für die seit den 1870er Jahren entstandene Stadterweiterung:  Davor nämlich war am Eserwall so gut wie Schluss. 

Die geraden, breiten Straßen des Beethoven- und Bismarckviertels mit ihrer offenen Bebauung und den Vorgärten mit schmiedeeisernen Zäunen lockte bald diejenigen hierher, die es sich leisten konnten: Unternehmer, Bankiers oder wohlhabende Privatiers. 

© Privatsammlung Gregor Nagler

Treffpunkt für Jung und Alt

Doch die Singerstraße war auch etwas Besonderes: Hier erhob erhob sich das Vergnügungs-Etablissement der Bierbrauersgatten Kaspar und Euphrosine Herrle (Singerstraße 15). Sie hatten das theaterähnliche Gebäude 1896-98 von Jean Keller erbauen lassen. Zur Straße führte eine prächtige Freitreppe mit schmiedeeisernem Vordach.

Es handelte sich um eine Art „Festsaal“ für die Stadtgesellschaft – heute würde man es „Eventlocation“ nennen – mit Bühne, Parkett und Galerien; im Keller lag ein Gewölbe. Ob Faschingsbälle, Konzerte, Feiern, Treffen von Gewerkschaften und Parteien – Der Saalbau Herrle bot Platz dafür. Im Sommer war natürlich der Biergarten beliebt. Gut möglich, dass auch durch die Singerstraße Gesang hallte oder eher lallte…

Saalbau Herrle
© Privatsammlung Gregor Nagler

Neuer Besitzer – Neues Publikum

Seit den 1930er Jahren war Georg Lindner Besitzer und warb mit „Augsburgs größtem Tanzparkett“. Er ließ den Raum aufs Aufwändigste dekorieren, bei einem Frühlingsfest mit „30.000 rosaroten Blüten“ die vom „Schimmer von 300 elektrischen Glühlampen“ beleuchtet waren. 

Die dunkle Zeit im Tanzparkett

Der Saal hatte zu dieser Zeit dennoch, trotz prächtiger Beleuchtung, seine dunklen Stunden, denn hier war nun die NSDAP für Weihnachtsfeiern zu Gast, „von der Decke flammte das Rot der Hakenkreuzbanner“, schrieb die Neue National Zeitung, das Sprachrohr der Nazis in Augsburg. Über die moderne „Großlautsprecheranlage“, wurde 1937 eine Rede Hitlers in den Äther geschickt. 

Saalbau Herrle
© Privatsammlung Gregor Nagler

Augsburg war ein Zentrum der NS-Rüstungsindustrie und deshalb Ziel von angloamerikanischen Luftangriffen. Im Februar 1944 fielen auch Bomben auf das Bismarckviertel, getroffen wurde auch der Saalbau Herrle. Im Keller führte Lindner noch eine Bar, den „Herrle-Keller“, ehe die Ruine 1954 an die Schwabenbau GmbH verkauft wurde. Diese ließ sie abbrechen und eine nüchterne Wohnanlage errichten. Der Biergarten ist heute ein PKW-Parkplatz. 

Auf der Westseite der Singerstraße aber stehen noch einige der um 1900 errichteten Mietshäuser friedlich nebeneinander und lassen sich nicht auf den ersten Blick erkennen, was sie alles durchgemacht haben.

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